Die Hip-Hop-Combo im einen Proberaum gibt den Groove vor. Schwarz gekleidete Rapper reihen Textzeilen aneinander, dazu die branchenüblichen Hand- und Fussbewegungen, alles ziemlich cool. Ein dritter Mann mit Hut dreht den Plattenteller unter aufgelegter Nadel. Scratching nennt man diese Technik im Musikjargon. Genauso klingt es auch, ein rhythmisches Kratzen befeuert die beiden Wortgymnastiker. Nebenan probt eine langmähnige Rockband, ihr Gitarrist peitscht sein Riff durch die Katakomben. Die musikalischen Rivalen hämmern mit Fäusten gegen die schalldurchlässige Trennwand. Sie fühlen sich gestört, fluchen, wollen die Nachbarn übertönen, schieben die Regler ihrer jeweiligen Verstärker auf maximale Lautstärke. Hip-Hop gegen Rock, die grosse Fehde, herunterprojiziert auf einen Nachbarschaftsstreit zweier Bands. Ein kakophones Klangdesaster, das darin gipfelt, dass Steven Tyler mit seinem Mikrofonständer die Trennwand durchschlägt. Durch das klaffende Loch in der Mauer krächzt er den Refrain des Songs in den Proberaum der Kontrahenten: «Walk this way!»
Szenenwechsel: Im beschriebenen Videoclip stehen nun beide Bands gemeinsam auf der Bühne vor frenetisch jubelndem Publikum. Flirrendes Licht, die Rivalen versöhnen sich klanglich, zwei Musikgenres finden zusammen, auf Zwietracht folgt Eintracht. Jetzt wird gemeinsam musiziert, nebeneinander getanzt. Man spricht von der Geburt des Crossovers.
Achtung, ich bitte um volle Aufmerksamkeit! Die Sternstunde in meinem Leben: An den Füssen der beiden Rapper steppe ich die Treppe runter auf die Bühne. Ein Auftritt, an Coolness kaum zu überbieten. Ein weisser Turnschuh, drei schwarze Streifen medial, drei schwarze Streifen lateral. Meine Zehenkappe komplett aus Gummi. Schnürsenkelfrei, nur durch ein Elastband zurückgehalten, quillt meine Zunge opulent zwischen den Quartieren raus. Das Dreiblatt-Logo blinzelt vom Ende meiner Lasche direkt ins Scheinwerferlicht. Walk this way!
Der Name ist Programm: Adidas Superstar lautet meine exakte Modellbezeichnung. Run-D.M.C. und Aerosmith, die beiden Bands aus den angrenzenden Proberäumen im Videoclip, haben mir den roten Teppich zwar ausgerollt, trotzdem steht ein gewiefter Schuhmacher Pate für meinen weltweiten Erfolg. Bis zum heutigen Tag werde ich produziert und gefeiert, in verschiedensten Farben und Ausführungen. Ich bin eigenwillig, kantig, etwas brachial vielleicht. Ich stelle keine grossen Ansprüche an mich. Primär will ich cool sein – sehr, sehr cool. Eine lebende Legende bin ich, in Ewigkeit verbunden mit den Rhymes von Run-D.M.C. und dem hypnotischen Gitarrenriff von Aerosmith. Walk this way!
