Gräber säumen das Rund. 5000 an der Zahl. Grabsteine wie Stelen, Kreuze wie Striche. Mit Namen besetzt. Namenlos. Der «Sad Hill Cemetery»: ein Amphitheater des Vergehens.

Die erste Kugel aus Blondies achtkantigem Lauf wirft uns in den Staub. Gras fällt auf meinen Schaft, nachdem wir zwischen zwei ausgehobenen Gräbern zu liegen kommen. Die zweite Kugel aus der «Colt 1851 Navy» wirft uns in das eine Grab, das wohl schon immer für uns bestimmt gewesen war. Nur knapp ragen meine Schuhspitzen aus unserer letzten Ruhestätte. Sentenza ist nicht mehr.

Stille. Ohrenbetäubende Stille. Und dann höre ich sie wieder, die Krähen, die laut krächzend ihre Kreise über uns ziehen. Die Zikaden, die ihr monotones Zirpen nur kurz unterbrochen haben. Ich spüre den Wind, wie er wieder auffrischt und feinen Wüstensand an meinen Sohlen vorbeitreibt. Sand und Staub nieseln auf meinen Spann. Das Duell der drei Pistoleros ist entschieden: Sentenza ist nicht mehr.

Soeben noch sind wir im weiten Rund gestanden – ich und zwei weitere Paar Stiefel. Inmitten eines gottverlassenen Gottesackers. Nur wenige Meilen von den Yankee-Linien entfernt. In einem Rosengarten aus Stein und Holz, bespielt von Zikaden und Krähen, umtost von einer wüstenschwangeren Ruhe.

Sentenza hat mich vorsichtig, aber bestimmt durch die Arena nach Süden geführt. Vorwärts haben wir die ersten Schritte begonnen, rückwärts suchten wir den Weg bis ans Ende. Ich spürte die Unebenheit der Kopfsteine unter meinen dünnen Sohlen. Die Hitze drang durch mein Leder. Tucos klobige Stiefel haben ebenso vorsichtig zwei, vielleicht drei Schritte seitwärts getan. Und im Westen des steinernen Teiches standen Blondies hellbraune Boots. Felsenfest, als hätten sie nur auf diesen Tag gewartet.

Was hat Sentenza mir nicht alles zugemutet. Whiskygetränkte Bohlen in unzähligen Saloons. Eisige Nächte in der Prärie, die an meinem schwarzen Leder zehrten. Tucos klobige Stiefel auf der anderen Seite haben das Leben eines Banditen geführt. Sie haben das harte Holz des Schemels gespürt, der unter seinen zahlreichen Galgen stand. Haben die Steigbügel der Pferde malträtiert, um irgendwelchen Häschern zu entfliehen. Blondies Boots standen uns gegenüber, als würden sie das Morgen kennen.

Ich, ein schwarzer Stiefel, der den Tod kennt. Tucos hässlich dunkelbraune Treter, die schon viele Verbrechen miterlebt haben. Und die hellbraunen Boots von Blondie, die schon manchem Unheil entronnen sind – ein Mexican Stand-off. Dann fiel der erste Schuss.

Von Weitem höre ich das Klirren der Sporen, wie sie von Kopfstein zu Kopfstein wandern, uns verlassen. Ich höre das Scharren von abgetragenen Sohlen, die das Weite suchen. Und so liege ich nun hier, in diesem Grab. Von Kreuzen umgeben, so weit das Auge reicht. Vereinzelte Steineichen, die meinen Blick säumen. Kalkstein, Sand und Sandstein, die meinen neuen Horizont bestimmen. Sentenza ist nicht mehr. Und ich weiss nun: Es gibt zwei Arten von uns Stiefeln. Diejenigen mit Perspektiven. Und solche mit ewigem Staub unter den Sohlen.